Gedämmte Freude!? 10 Mythen zum Thema Wärmedämmung

Der Streit um die Wärmedämmung in Deutschland ist nicht neu. Bei der Frage Dämmen oder nicht Dämmen scheiden sich die Geister. Zuletzt wurde die Debatte Mitte Mai 2014 durch einen Artikel der FAZ am Sonntag angeheizt. Der Titel: „Stoppt den Dämmwahn!“ Dämmen sei ökologisch zweifelhaft, unsagbar teuer und die Dämmung müsse nach 20 bis 30 Jahren schon wieder ausgetauscht werden – nachträgliche Wärmedämmung sei die reine Ressourcenverschwendung. Und nicht nur das, die Brandgefahr sei übermäßig hoch und Schimmel bilde sich auch viel schneller.

WärmedämmungDie Antwort der Befürworter von Wärmedämmung folgte auf dem Fuße. Blogger, Energie- und Hausbauexperten und Vertreter der Deutschen Energie-Agentur meldeten sich zu Wort, um den Dämmgegnern Paroli zu bieten (besonders lesenswert: dieser Artikel von Ronny Meyer). Sogar Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert wirbt in einem Werbespot mit dem Slogan „Dämmen lohnt sich“.

Das Dämmen von Hausfassaden und obersten Geschossdecken ist eines der Kernprojekte der deutschen Energiewende, um langfristig durch die Verringerung des Energieverbrauchs die CO2-Klimaziele zu erreichen. Den Heizwärmeverbrauch nachhaltig zu senken, soll nicht primär dem Zweck dienen, Kosten zu sparen, sondern vor allem Energie und CO2. Umso spannender, einmal hinter die Fassade zu blicken und den wesentlichen 10 Diskussionspunkten im Streit um die Wärmedämmung auf den Grund zu gehen.

1. “Wärmedämmung verursacht Schimmel”

Schimmel ist eklig, häßlich und giftig. Aber Schimmel ist kein neues Problem. Auch in Altbauten und ungedämmten Häusern kommt es zur Schimmelbildung, Schuld ist meist eine zu hohe Luftfeuchtigkeit in der Wohnung oft durch unzureichendes oder falsches Lüften hervorgerufen. Das kann am Bewohnerverhalten selbst liegen oder bauliche Ursachen haben. In der Regel werden daher sehr gut isolierte Gebäude auch mit Lüftungsanlagen ausgestattet, wenn die Fensterlüftung nicht mehr ausreicht. So wird durch die Kombination aus Wärmedämmung und ausreichender Belüftung der Schimmelbildung langfristig vorgebeugt. Bei Passivhäusern ist dies Standard. Grundsätzlich kann die Schimmelproblematik in allen Arten von Gebäuden auftreten.

2. “Gedämmte Fassaden neigen zur Algenbildung”

Die Dämmung soll verhindern, dass Wärme von innen nach außen dringt. Somit ist die Außenfassade im Winter auch kälter und dadurch unter Umständen auch stärker von feuchter Witterung betroffen. Gerade nach Norden ausgerichtete Hauswände, die wenig Sonne abbekommen, bleiben länger feucht. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Veralgung. Man erkennt die Algenbildung an den grünen Rückständen an der Hausfassade. Wirklich schlimm ist das nicht: Algen an der Hausfassade sind weder gesundheitsschädlich noch zerstören sie die Untergründe. Das Problem ist ein rein ästhetisches – es sieht einfach nicht schön aus. Helfen kann ein ausreichender Dachüberstand und das Vermeiden von Pflanzen nahe der Fassade. Bereits während der Dämmung kann darauf geachtet werden, möglichst glatte Oberflächen zu schaffen. Eine adäquate Lösung gibt es bisher jedoch nicht.

3. “Besteht Brandgefahr?”

Bei der Fassadendämmung können sehr unterschiedliche Materialien zum Einsatz kommen. Das günstigste ist sicherlich Polystyrol (Schaumpolysterol ist auch als Styropor bekannt) und in der Tat ist es auch leicht brennbar. Das ist aber letztlich kein Grund zur Besorgnis. Bei fachgerechter Ausführung der Wärmedämmung besteht keine erhöhte Brandgefahr. Wird sachgemäß gedämmt, wird das Polysterol im Wärmeverbundsystem mit einer Putzschicht und ausreichend Brandriegeln (nichtbrennbarer Mineralfaser-Barrieren) eingefügt, um die Ausbreitung eines etwaigen Brandes zu verhindern. In dieser Kombination ist die Fassade nur schwer entflammbar. Bei größeren Gebäuden werden dann ohnehin nicht brennbare Fassenbekleidungssysteme verwendet – z.B. ein Wärmeverbundsystem mit Mineralwolle.

4. “Die Wärmedämmung geht schnell kaputt”

Das ist so nicht richtig. Eigentlich sind Wärmeverbundsysteme recht langlebig, denn sind sie – normalerweise – nicht von Abnutzung oder mechanischen Einwirkungen betroffen. Eine Gefahr für die Wärmedämmung besteht nur dann, wenn Undichtigkeiten im Putz entstehen und der Dämmstoff selbst feucht wird. Dann sind Ausbesserungen dringend notwendig, doch nach 10 bis 20 Jahren werden in der Regel ohnehin Nachbesserungen an der Fassade und am Dach notwendig – ob mit oder ohne Dämmung. Löcher im Putz entstehen eventuell durch außergewöhnliche Witterungsbedingungen (Sturm) oder durch den Einfluss von Tieren (Spechte sind ein beliebtes Problem). In Regionen mit besonders aktiver Tierwelt sollte daher auf einen beständigeren Putz zurückgegriffen werden. Das kostet zwar etwas mehr, hält aber auch länger. Und auch hier wirkt ein besonders glatter Putz Wunder: Tiere finden so nämlich keinen Halt an der Hausfassade und können erst gar keinen Schaden anrichten.

5. “Wenn die Wärmedämmung ausgetauscht wird, haben wir Berge von Sondermüll”

In der Tat ist insbesondere die Entsorgung von expandiertem Polystyrol-Hartschaum nicht ganz unproblematisch. Hohe Transportkosten und ein aufgrund von Vermischungen und Verschmutzungen nur schwieriger Recycling-Prozess machten die Entsorgung der Dämmstoffe bisher nicht sonderlich nachhaltig. Allerdings sollte man sich nicht täuschen lassen: Bisher sind die zu entsorgenden Mengen noch sehr klein. Für das künftig wachsende Aufkommen von Polysterol-Dämmplatten ist auch schon eine Lösung geplant: Im Rahmen des Forschungsprojekts EPS-Loop wurde ein Verfahren entwickelt, dass die Abfälle langfristig ökonomisch sinnvoll recycelt. Leider ist es derzeit noch nicht in die gängige Entsorgungspraxis integriert worden. 75 % der Polysterol-Platten werden noch konventionell entsorgt.

Dämmung hält im Winter warm

Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de

6. „Die Heizung auszutauschen ist sinnvoller als Dämmen“

Ja, das ist richtig. Was aber nicht gleichzeitig heißt, dass Dämmen nicht auch sinnvoll ist. Der Austausch der alten Heizung gegen eine neue energiesparende Variante ist sehr viel preiswerter als eine Dämmung. Vor allem wenn eine alte Ölheizung gegen ein neues Gerät mit gleichzeitigem Wechsel auf Gas, Pellets, Solarthermie oder Wärmepumpe ausgetauscht wird, ist sowohl das finanzielle Ersparnis als auch das CO2-Ersparnis enorm hoch – laut einer Studie von Zukunft Erdgas sogar höher als bei einer Volldämmung des Hauses. All das spricht für einen Heizungswechsel, jedoch nicht gegen eine Dämmung. Denn trotzdem können gemäß der Studie mit einer Dämmung immer noch 37 % Energiekosten eingespart werden – bei einer Kombination aus Dämmung und Heizungswechsel sogar 60 bis 70 Prozent Energiekosten und bis zu 90 Prozent CO2 eingespart werden.

7. „Die Kosten für eine Dämmung sind so hoch, dass sie sich nicht amortisieren.“

Das liest man sehr oft und man ist versucht, das auch zu glauben. Aber nicht jedes Haus ist gleich und entsprechend sind ganz unterschiedliche Maßnahmen nötig, es fallen unterschiedlich hohe Investitionen an und die Amortisationszeiten können entsprechend schwanken. Bei dem einen Haus ist einen Innendämmung nötig, bei einem anderen muss nur die Kellerdecke gedämmt werden und bei einem anderen ist eine Vollsanierung notwendig. Das Einsparpotential hängt immer vom Haus selbst und von der Güte der Dämmung. Für eine Volldämmung können so zwischen 20.000 und 50.000 Euro veranschlagt werden. Natürlich sollte eine Dämmung auch ökonomisch Sinn machen bzw. wenn sie das nicht tut, wesentlich zur Verbesserung des Wohlbefindens beitragen. Was gern vergessen wird: Die künftige Entwicklung der Brennstoffkosten ist noch sehr vage. Eine Dämmung sorgt auch für ein Stückchen mehr Unabhängigkeit von der Preisentwicklung für Gas und Öl.

8. „Gedämmte Häuser verschandeln das Stadtbild.“

Wahr, aber nicht notwendig. Irgendwo habe ich die Umschreibung „zeitlos hässlich“ dazu gelesen. Damit bin ich nur teilweise einverstanden, ebenso wie es viele negative Beispiele für missratene Fassaden gibt, gibt es auch optisch äußerst gelungene Sanierungen, die sogar zur Verschönerung einzelner Straßenzüge beitragen. Wieder hängt alles von der Güte der Dämmung ab. In der Tat sind viele energetisch sanierte Häuser nicht mehr wiederzuerkennen. Der architektonische Charme geht oftmals durch kostenseitige Pragmatik verloren. Gut gefallen hat mir hierzu auch dieser Beitrag, der die Mär von der Verschandelung der Städte durch Fassadendämmung einmal genau hinterfragt: Warum hacken alle auf der Dämmung herum, wenn doch die Planer das Gebäude konzipieren? Ist nicht vielleicht der puristische Zeitgeist unserer Architektur schuld, dass gerade unsere Neubauten oft wie lieblose Fremdkörper wirken? Das Fazit: eine lebendige Baukultur kann auch der unansehnlichen Fassadendämmung Leben einhauchen. Architekten und Planer haben heutzutage unendlich viele Möglichkeiten das Beste aus der Fassade zu machen, auch Innendämmsysteme sind denkbar.

9. „Die Energiewende geht nicht mit Dämmung! Der Energieaufwand für die Erzeugung der Wärmedämmstoffe ist höher als das Ersparnis“

Wenn dem so ist, lohnt sich auch die Dämmung nicht. Die Montage der Dämmung sollte immer noch ökonomisch und ökologisch Sinn machen. Die Herstellung der Dämmstoff sollte keinesfalls mehr Energie verbrauchen als sie später Heizkosten einspart. Bringt sie nur geringe energetische Ersparnisse, dann ist sie vermutlich überflüssig. Bei der Dämmung mit Holzstoffen kann sich die der Primärenergieaufwand binnen Kurzem amortisieren. Auch bei einer aufwendigen Sanierung, sollten die Ersparnisse in der Heizenergie die Produktionsenergie innerhalb von 20 Jahren amortisiert haben. Ab dann wird nur noch Energie eingespart. Dass die Fassadendämmung tatsächlich essentiell für die Energiewende ist, wird von einigen Kritikern vehement bestritten. Liest man derartige Stellungnahmen, kann man schnell den Eindruck gewinnen, die Zuschüsse der KfW-Bank für energetische Sanierungen sind ein Abwrackprämie für alte Fassaden zum Aufpeppeln der Dämmindustrie. Ich teile diese Ansicht nicht. Genug andere glaubwürdige Studien belegen das Gegenteil. Über die Höhe des tatsächlichen Nutzens – ob nun 30 Prozent oder 50 Prozent der Heizenergie eingespart werden – möge man sich indessen gern streiten. Dabei sollte jedenfalls eines nicht vergessen werden: Die Weiterentwicklung und technische Innovation im Bereich Dämm- und Baustoffe wird langfristig auch ihre Effektivität erhöhen, ihre Kosten senken und ihre Verarbeitung erleichtern.

10. „Lüftungsanlagen bringen Keime ins Haus und machen krank“

Nun haben wir ja schon besprochen, dass bei einer Volldämmung durchaus die Gefahr bestehen kann, dass eine schlechte Lüftung für zu hohe Luftfeuchte sorgen kann. Machen dann notwendige Belüftungsanlagen durch Bakterien und Sporen also krank? Bei Klimaanlagen in riesigen Bürogebäuden mit x Angestellten mag diese Befürchtung berechtigt sein. Im Übrigen gilt das vor allem dann, wenn ein Filter falsch eingebaut oder zu selten gewechselt wurde. In einem Wohnhaus mit wenigen Bewohnern kann die Luftqualität aus der Lüftungsanlage sogar besser sein als die Luft, die im Sommer durch Fensterlüftung hereinströmt. Ein jährlicher Filterwechsel und eine hochwertige Installation der Anlage sollten dies verhindern.

Bildquelle: pixelio.de

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