Matthias Willenbacher: Blick in die Zukunft

Für unsere Reihe “Energie 2050” haben wir Experten gefragt, ob und wie wir die Klimaziele bis zum Jahre 2050 erreichen. Im letzten Beitrag beschreibt der Bestseller-Autor und Unternehmer Matthias Willenbacher seine Zukunftsvision.

Alle bisher erschienenen Beiträge aus der Reihe finden Sie hier.

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3. März 2033. Fußballländerspiel Deutschland gegen Italien in München. 

Deutschland gewinnt 2:0 durch späte Tore in der 83. und 89. Minute.

Zusammen mit meinem Freund Luca habe ich das Spiel in der Münchner Arena verfolgt. Zehn Minuten vor Spielende bestelle ich mit meiner Smartwatch ein Autro.

Fünf Minuten nach Schlusspfiff fährt es vor die Arena vor. Es gibt genügend Platz vor dem Stadion, weil wir eine völlig andere Verkehrssituation haben als noch vor zwanzig Jahren. Es gibt kaum noch Parkplätze, fast der gesamte Raum steht dem fließenden An- und Abfahrtverkehr des Nahverkehrs und der Autros zur Verfügung.

Luca und ich setzen uns hintereinander in das fahrerlose Zweipersonen-Autro, das sofort losschnurrt. Wir sprechen darüber, wie seltsam es uns heute vorkommt, dass jeder von uns früher mal ein eigenes Auto hatte. Absurd. Während das Autro über die Autrobahn schießt, schauen wir uns auf Monitoren die Zusammenfassung des Spiels an und sind dann in gut 90 Minuten wieder zuhause in Mainz.

Das liegt daran, dass der größte Teil der 430 Kilometer auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zurückgelegt werden kann, auf der das Autro wie ein ICE auf Schienen fährt und der Verkehr auf der Autrobahn immer fließt. Gegenüber dem guten, alten Individualverkehr ist das eine dramatisch verbesserte Mobilität.

Gespeist wird das Autro von 100 Prozent Erneuerbaren, die es teilweise selbst aus seinem Lack gewinnt, der tagsüber Sonnenenergie einfängt.

Vom Autro aus schalte ich mit meiner Smartwatch zwanzig Minuten vor Ankunft zuhause die Heizung ein, lasse die Rollläden runter und programmiere die Südfassade des Hauses so, dass sie bei der Ankunft schwarz-rot-gold leuchtet. Die großen Spiele zwischen den europäischen Fußballnationen sind in den politisch und wirtschaftlich vereinten Staaten von Europa schöne Gelegenheiten, um nationale Kulturidentitäten zu pflegen.

Organische Solarzellen am Haus

Mein Haus hängt schon lange nicht mehr am Stromnetz, sondern ist ein energieautarkes Aktivhaus. Es produziert Energie, anstatt sie nur zu verbrauchen. Mal abgesehen von ein paar Pellets für den Kamin. Das Stadion macht das übrigens auch.

Seine Außenhülle ist komplett mit organischen Solarzellen aus Kohlenwasserstoff-Verbindungen verkleidet, die billig und einfach zu handhaben sind und mittlerweile sehr effizient. Damit wird tagsüber Strom produziert und gespeichert. Alle Atomkraftwerke sind inzwischen abgeschaltet, auch die Franzosen haben sich ihre AKW nicht mehr leisten können. Und die Chinesen mussten ihr letztes Kohlekraftwerk 2030 abschalten, weil sie sonst keine Luft mehr zum Atmen gehabt hätten. Am besten erkennt man das Umdenken vermutlich in der Wirtschaft. Einige energieintensive Unternehmen haben die alteingesessenen Industriestandorte verlassen und sich in der Nähe von wind- und sonnenstarken Standorten angesiedelt.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, um auch künftig im Geschäft zu bleiben. Einige Traditionsunternehmen haben unter großer politischer Aufregung ihren Sitz aus dem Süden nach Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verlagert. Das ist naheliegend, weil in Meeresnähe guter Wind weht und viel Sonne scheint. Aber es ist nicht zwangsläufig nötig. Es gibt genügend gute Standorte in Süddeutschland, in Regionen, die inzwischen auch florieren. Aber diese Standorte liegen auf den Höhen der Mittelgebirge oder im Schwarzwald. Hier scheint nicht nur die Sonne, sondern es weht auch ein guter, kräftiger Wind.

Photovoltaik ist längst ein selbstverständlicher Bestandteil des normalen Haushaltes.

Sie wird möglichst überall genutzt. Überall, wo es geht, ist die Gebäudehülle mit Photovoltaik ausgestattet. Das Haus ist zudem mit einer speziellen Farbe gestrichen, die ebenfalls Strom produziert. Die Solarzellen haben im Jahr 2033 einen Wirkungsgrad von 50 Prozent. Die Module sind flexibel, der zur Mittagszeit produzierte und nicht sofort gebrauchte Strom wird in Batteriespeichern im Keller oder in den Batterien der Autros zwischengespeichert. Der Strom kann wahlweise auch in Gas umgewandelt werden und kommt dann ins Gasnetz. Von hier aus kann er bei Bedarf in Blockheizkraftwerken wieder umgewandelt werden. Zusätzliche Energie produziere ich am Körper, mit hochleistungsfähigen Modulen, die in meine Kleidung integriert sind. So kann ich zum Beispiel mobile Endgeräte direkt und ganz bequem aufladen. Die weiterentwickelten Module können viel mehr Licht als noch vor zwanzig Jahren einfangen, nämlich das ganze Lichtspektrum und nicht mehr nur einen Teil. Solange es hell ist, ist auch Sonnenstrahlung in der Luft, und die fangen wir inzwischen zu einem beträchtlichen Teil ein.

Für die wenigen Fälle, in denen der Solarstrom nicht ausreicht, wird die Wärme vom Pelletofen mitgenutzt, um den nötigen Reststrom zu erzeugen. Die Pellets werden einmal im Jahr automatisch angeliefert. Sie werden so verbrannt, dass dabei keine Asche entsteht. Wenn es im Winter draußen bitterkalt ist, läuft der Pelletofen halt ein bisschen mehr.

Dramatisch niedrige Energiekosten

Ansonsten sind alle Geräte so programmiert, dass sie vor allem dann Energie verbrauchen, wenn die Photovoltaik-Anlagen den Strom liefern, also besonders zur Mittagszeit. Durch die Kombination von Strom- und Wärmeerzeugung und energieeffiziente Haushalt- und Technikgeräte sind die Energiekosten dementsprechend dramatisch gesunken. Licht wird komplett mit LED gemacht, in verschiedensten Farben, aber jetzt gibt es auch sehr warmes LED-Licht zur Auswahl.

Ich habe auch keinen riesigen, klotzigen Fernseher mehr, der mit viel Energieaufwand hergestellt werden musste und relativ viel Strom verbraucht. Meine Wohnzimmerwand ist mit einem speziellen Lack gestrichen, auf den das Bild projiziert wird. So habe ich eine beliebig wählbare Bildgröße bis hin zum Kinoformat und gleichzeitig einen sehr geringen Stromverbrauch. Vergleichbar mit dem Standby- Verbrauch eines Fernsehers vor zwanzig Jahren.

Manchmal will man ja nicht nur auf der Smartwatch oder der Smartbrille fernsehen, sondern mit vollem Sound ganz großes Kino. Jetzt zum Beispiel. Mein Freund Luca ist noch auf ein Bier mitgekommen. Als Taktikexperte ist er immer noch mit dem Spiel beschäftigt. Er analysiert derweil mit seiner Smartbrille immer noch die Fehler der italienischen Defensive bei den Gegentoren. Sein Bier bekommt er aus einem Kühlschrank, der mit seiner Abwärme wieder Strom produziert.

Es gibt übrigens schon noch die guten, alten Autos mit Benzinmotoren, aber nur noch vereinzelt. Nur die Superreichen haben ein Auto, weil sich sonst kein Mensch mehr Benzin leisten kann. Praktisch ist das nicht, eher Nostalgie. Kein Mensch käme mehr auf die Idee, seine Freiheit oder Unabhängigkeit in einem eigenen Auto zu sehen. Das Gefühl von Freiheit und die tatsächliche Unabhängigkeit entsteht durch den Zugang zu und der Produktion eigener Energie. Im Jahr 2033 erleben die Menschen eine Unabhängigkeit, wie wir sie heute nicht kennen.

Das ist mein Antrieb: Eine Zukunft, in der jeder Mensch einfachen, unabhängigen und günstigen Zugang zu Energie hat.

Wenn wir diese Zukunft wollen, dann müssen wir jetzt die entsprechenden Weichen stellen.

Über den Autor:

Matthias Willenbacher ist ein deutscher Unternehmer und Vorreiter auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Der studierte Physiker ist Mitgründer der Firma juwi. Im Jahre 2009 wurde Willenbacher vom Wirtschaftsmagazin Capital als Greentech-Manager des Jahres ausgezeichnet. Ernst & Young verlieh ihm den Titel Entrepreneur des Jahres 2009.

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