Holger Rogall: Wie wird die Energieversorgung und Energieerzeugung im Jahre 2050 aussehen?

In unserer sechsteiligen Reihe stellen Energieexperten ihre Vision des Energiemarktes im Jahre 2050 vor. Den Anfang machte Hubertus Grass. Der zweite Beitrag der Reihe stammt von Dr. Holger Rogall, Professor für Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR).

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Will die Menschheit dauerhaft auf der Erde leben, muss sie die natürliche Existenzgrundlage erhalten, d.h. die Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit respektieren lernen. Hierzu gehört die Begrenzung des Anstiegs der durchschnittlichen Oberflächentemperaturen auf 2°C. Um dieses Ziel zu erreichen, darf die Menschheit noch 750 bis 1.100 Gigatonnen CO2- Äquivalente bis 2050 emittieren. Werden auch nur die bekannten fossilen Brennstoffreserven verbrannt, werden aber mehr als 2.800 Gigatonnen freigesetzt. Die Konsequenz aus diesem nüchternen Zahlenvergleich ist eindeutig: Will die Menschheit eine dramatische Klimakatastrophe verhindern, darf sie die vorhandenen Reserven nicht mehr aufbrauchen. Um dies zu gewährleisten, müssen die Industrie- und Schwellenländer bis 2050 einen Transformationsprozess durchführen, der am Ende ein treibhausgasneutrales Leben und Wirtschaften ermöglicht (von uns auch nachhaltiger Umbau der Volkswirtschaften genannt). Hierzu müssen z. B. die deutschen Pro-Kopf-Emissionen von heute 11 t/Einwohner auf eine Tonne reduziert werden, was einer 90 %-Reduzierung (gegenüber 1990) entspricht.

Die notwendigen Erneuerbare-Energie-Techniken für diesen Transformationsprozess zur 100 %-Versorgung stehen bereit. Sie haben das notwendige Potential, die Industrie- und Schwellenländer bis 2050 vollständig und wirtschaftlich verträglich zu versorgen. Durch diese Transformation könnte nicht nur die Klimaerwärmung auf einen gerade noch verträglichen Umfang verlangsamt, sondern auch die sich zuspitzende Ressourcenknappheit mit ihren gewaltsamen Konflikten auf ein beherrschbares Maß reduziert werden.

Da ein wesentlicher Anteil dieser Versorgung durch fluktuierende Energie (insbes. Wind und Sonne) zu decken ist, muss das heutige Energiesystem so umgebaut werden, dass es sich den EE anpasst. Hierzu ist eine umfängliche Infrastruktur nötig, weshalb die Transformation zur 100 %-Versorgung mit EE – wie alle vorangegangenen Transformationen auch – große Investitionen benötigt. Auch das Know-how für diese Infrastruktur ist zum größten Teil vorhanden. Hierbei kann die Menschheit (auch Deutschland als Vorreiter in der Energiewende) nicht auf eine einzelne Strategie setzen, sondern muss den skizzierten Transformationsprozess mit seinen Strategie- und Infrastrukturpfaden konsequent durchführen. Dazu gehört es, nicht nur die Erneuerbaren Energien weiter auszubauen und die fossilen Energien zu beenden, sondern auch den Energieverbrauch insgesamt durch Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zu reduzieren. Gelingt dies, stellt die Energiewende ein risikoarmes Investitionsvorhaben mit großen wirtschaftlichen Chancen dar (IWES 2014/01: 4).

Ein immer noch mögliches Scheitern der Energiewende wäre also nicht den fehlenden Energietechniken zuzuschreiben, sondern dem Politikversagen von der globalen bis zur Länderebene. Die Faktoren des Politikversagens sind so vielfältig und wirkungsmächtig, dass viele Akteure eine erfolgreiche Transformation zu einer 100 %-Versorgung mit EE für eine Illusion halten. Für eine Resignation sind die Probleme aber zu gefährlich. Auch gelingt es engagierten Politikern in Bündnissen mit der Bürgergesellschaft immer wieder, deutliche Schritte in die richtige Richtung durchzusetzen.

Hierbei ist regelmäßig damit zu rechnen, dass die atomare und fossile Energielobby diese Entwicklung zu hemmen versucht. Die großen Energiekonzerne und ihre Verbündeten in den Wirtschaftsverbänden und der Wissenschaft verfügen über ein großes wirkungsmächtiges Bündel an Mitteln zur Interessendurchsetzung. Ihre Macht ist noch nicht gebrochen. Sie zu unterschätzen, wäre grob fahrlässig (immer wieder gelingt es ihnen Rechtsnormen zum Teil zu verwässern oder die Inkraftsetzung zu verschieben).

Sich auf Rückschläge einzustellen und den Mitteln der Contra-Akteure standzuhalten, ist die große Aufgabe der Bürgergesellschaft im 21. Jahrhundert. Hierzu dienen den ProAkteuren die verschiedenen Organisationsformen, von den politischen Parteien, Umweltverbänden bis hin zu den Energiegenossenschaften. Viele Kommunen mit ihren engagierten Politikern und Verwaltungsmitarbeitern sind hierbei wichtige Verbündete. Solange die Rahmenbedingungen dies ermöglichen, werden diese Pro-Akteure weiterhin die Energiewende vorantreiben und sich von den Lobbyisten nicht einschüchtern lassen. Dabei gewinnt ihr Engagement durch die zunehmenden Folgen der Klimaerwärmung weiter an Bedeutung.

Die Contra-Akteure haben für die Lösung des Klimaproblems keine einzige erfolgsversprechende Strategie. Daher haben sie in großen Teilen Europas in den letzten 15 Jahren mehr Auseinandersetzungen verloren als gewonnen.

Die Alternative „weiter so“ existiert nicht, da ein „weiter so“ nicht zur Beibehaltung des Wohlstandes führt, sondern zum Ende der heutigen Zivilisation führen könnte. Derartige Entwicklungen haben in der Vergangenheit schon mehrfach stattgefunden. Bei den untergegangenen Kulturen reichte die Kraft nicht aus, um sich so zu verändern, dass sie den Niedergang aufhalten konnten. So gingen zahlreiche Großreiche unter, z. B. das Römische Weltreich, es folgte ein viele Jahrhunderte andauernder zivilisatorischer Niedergang.

Jedoch schafften es in der Geschichte auch kleine Gruppen, große Veränderungen hervorzubringen (siehe die Anti-Apartheid- und die Indische Unabhängigkeitsbewegung). So bleibt uns die Hoffnung, dass in den nächsten Jahrzehnten noch einiges erreicht werden kann.

(Der Text ist das abschließende Diskursangebot des Buches von Holger Rogall mit dem Titel „100%-Versorgung mit erneuerbaren Energien“.)

Über den Autor:
Dr. Holger Rogall ist Professor für Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) und Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg. Weiterhin ist er Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit (INa) der HWR Berlin und Leiter des Instituts für Nachhaltige Ökonomie (INÖk) sowie geschäftsführender Herausgeber des Jahrbuchs Nachhaltige Ökonomie. Er ist Autor zahlreicher Lehrbücher zur nachhaltigen Wirtschaftslehre, mit denen er die traditionelle Ökonomie grundlegend reformieren will. Darüber hinaus ist er Vorsitzender der Gesellschaft für Nachhaltigkeit e.V. und Koordinator des Netzwerks Nachhaltige Ökonomie. 2006 ist er mit dem Deutschen Solarpreis geehrt worden.

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