Dirk Baranek: Die Energierevolution oder warum Bolivien 2050 reich sein wird

In unserer sechsteiligen Reihe “Energie 2050” fragen wir Experten: Werden wir unsere Klimaziele bis 2050 erreichen? Was wird sich ändern? Was muss sich ändern? Diese Woche verrät der Journalist Dirk Baranek, wie er sich den Energiemarkt im Jahre 2050 vorstellt.

Alle bisher erschienenen Beiträge aus der Reihe finden Sie hier.

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Werte Frau- und Herrschaften, Hallo! Aufgepasst: Wir müssen hier und heute eine Sache mal anders durchdenken.

Es geht um Strom.

Wir erleben gerade eine Revolution, die Energierevolution. Diese wird die Welt verändern, komplett oder zumindest in vielen Bereichen.

Strom ist der Treibstoff der Weltwirtschaft, des Internet, Ihrer Gerätschaften und Gadgets. Am Strom hängt buchstäblich alles.

Aber: Strom hat das schlechteste Image der Welt. Strom ist schwarz. Strom ist dreckig. Strom ist böse. Strom wird am besten gar nicht genutzt. Je weniger Strom desto besser.

Derartige Zuschreibungen trafen für die Vergangenheit zu. Wir werden das aber als notwendige Begleiterscheinungen des schwarzen Zeitalters verbuchen, als Echo aus einer industriellen Steinzeit, die wir überwunden haben. Die organisierbare, wünschenswerte weil effizienteste, diese alles ändernde Stromerzeugung aus erneuerbarer, kostenloser, endloser Primärenergie wird alles ändern. Aktuell ächzen wir noch unter den Anlaufkosten dieses industriepolitischen Hasardstücks. In 2050 werden wir unsere Gegenwart als etwas chaotischen Abschnitt der Übergangsphase betrachten.

Strom ist geil. Strom ist das beste, was der Menschheit je passieren konnte. Strom wird all unsere Probleme lösen.

Strom wird überall sein, denn Strom wird kostenlos sein.

Wir werden Strom-Flatrates bekommen. Dann zahlen wir eine feste Monatsgebühr – egal wie viel wir verbrauchen.

Denn: Die Erzeugung von Strom wird billig werden, sehr billig. Wir zahlen dann nur noch für die Abschreibung der Solaranlagen, der Speichersysteme und der Verteilnetze. Denn Strom ist zwar Treibstoff, kann aber ohne Treibstoff erzeugt werden. Sonne und Wind sind gratis.

Die Abschreibung der erzeugenden, speichernden, verteilenden Anlagen ist endlich. Solaranlagen werden aber auch nach 20 Jahren noch Strom liefern. Zwar einiges weniger, die Degradation wird sich bemerkbar machen, aber Werte von über 50 Prozent der Ursprungsleistung werden sich sicherlich noch weitere 20 Jahre erzielen lassen.

Die Konsequenzen dieser Zyklen werden sich anfassbar erst in 20-30 Jahren abzeichnen, denn weit über 90 Prozent der aktuellen Solarkapazitäten sind seit 2006 geschaffen worden. Reicht die Vorstellungskraft für ein Szenario im Jahr 2030, wenn ein Drittel der deutschen Stromerzeugung aus Anlagen kommt, die nichts mehr wert sind, die aber zuverlässig und mit geringen Kosten liefern?

Strom ist bereits heute so billig, dass es ihn umsonst bei den Filialen des deutschen Handelsunternehmens Aldi Süd in Form von Ladestationen für Elektroautos gibt. 50 werden bald bereit stehen, die mit den Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Aldi-Märkte gespeist werden.

Wir werden Stromspeicher im Keller haben, jeder. Diese hunderte Millionen Speicher werden gefüllt, wenn die Sonne vom Himmel strahlt oder der Wind braust. Denn dann werden sie uns den Strom zu Billigpreisen hinterherwerfen. Nachts oder an trüben Tagen zahlen sie uns dann Höchstpreise, wenn wir ihnen gestatten den Strom aus unserem Speicher wieder zu saugen.

Hallo? Hatten wir nicht eben gesagt, Strom werde gratis sein? Ist er ja auch, aber unser Speicher kostet und das Geld wollen wir wiederhaben von denen, deren Speicher nicht ausreicht. Mit unserem Elektroauto werden auf diese Art und Weise vielleicht 1000 Euro pro Jahr verdienen, allein mit dessen Speicherkapazitäten.

Die Betreiber von Anlagen oder Netzen werden uns Strom-Abos verkaufen wollen, um mit uns als sicheren Kunden die Refinanzierung ihrer Investitionen zu bestreiten. Überall Speicher, Akkus, Batterien – werden wir dann nicht eine neue Rohstoffkrise schlittern? Nein, es werden sich nur die Märkte verlagern. Bolivien ist eines der ärmsten Länder der Welt, verfügt allerdings mit einer unwirtlichen Salzwüste in den Anden über eine riesige, nahezu unendliche Lithium-Reserve. Und Bolivien ist aktuell clever genug, sich diesen Schatz nicht aus der Hand nehmen zu lassen.

Ehrlich gesagt, ich gönne es Bolivien, wenn es Nutznießer der Energierevolution wird, eine Zeitenwende, die sich jetzt bereits abspielt und bis 2050 unsere Welt verändert haben wird. Welche Ideen sich bis dahin mit dem Gratis-Strom noch realisieren lassen, ich kann es kaum erwarten…

Über den Autor:
Dirk Baranek hat Geschichte und Spanisch in Berlin studiert. Der freie Journalist und Berater für Online-Medien lebt in Stuttgart.

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